Interview Andre Standke: Innovation durch Regulation?

Nach der Interchange ist vor der PSD II

Ende letzten Jahres fand mit der Regulierung der Interbankenentgelte eine umfangreiche Marktintervention durch die Kommission der Europäischen Union statt. Auch jetzt bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Die nächsten Regulierungsvorhaben der EU-Kommission stehen schon in den Startlöchern und erfordern ein umgehendes Handeln der Marktteilnehmer.
Wir haben unseren Geschäftsführer Andre Standke gebeten, uns seine Sicht auf die aktuelle Situation im Bereich Regulation zu geben.

Wie sehen Sie momentan die Reaktionen auf die Regulation am Markt?

Die Regulation hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Jüngst haben wir die Regulierung der Interbankenentgelte miterlebt. Als Folge beobachten wir auf der Händlerseite neben steigenden Transaktionszahlen eine signifikante Verbreitung der Kreditkartenakzeptanz, insbesondere bei den Discountern. Banken kompensieren die Ertragsverluste mit einer vermehrten Erhöhung der Jahrespreise und durch Optimierung der Kostenstrukturen und Prozesse, z. B. mit Einschnitten beim Leistungsumfang. Dies betrifft insbesondere Karten, die durch ihr großes Spektrum an Zusatzleistungen, wie Treueprogrammen oder Versicherungspaketen, attraktiv sind, weil der Kunde darin einen Mehrwert sieht.

Diese Entwicklung, sowohl im Handel als auch auf Bankenseite, wird sich noch einige Zeit fortsetzen. Die nächsten Monate werden zeigen, welche neuen Geschäftsmodelle zu nachhaltigen Erfolgen auf der Issuer-Seite führen.

Für die weitere Förderung des Wettbewerbes ist am 6. Juni ein weiterer Teil der MIF-VO in Kraft getreten, die fordert, dass Kunden am POS die Möglichkeit haben, die Bezahlmethode auf ihrer Karte selbst auszuwählen, sofern mehr als eine Bezahlmethode auf der Karte vorhanden ist. Dies ist in Deutschland bei fast allen nationalen Debitkarten der Fall, da diese neben dem girocard-Verfahren entweder maestro oder V Pay unterstützen. Vor der Eingabe der PIN wird der Kunde nun aufgefordert, beispielsweise zwischen Girocard und V PAY zu wählen. Der Erfolg dieser Maßnahme ist jedoch zweifelhaft, da der Großteil der Kunden kein Bewusstsein für verschiedene Schemes besitzt und einfach nur schnell und unkompliziert mit einer Karte bezahlen möchte. Es bleibt zu hoffen, dass der zusätzliche Auswahlschritt händlerseitig einfach gelöst und der Bezahlprozess selbst nicht unnötig verlängert wird. Sicher ist aber, dass es zu Verwirrungen am POS kommen wird – im schlimmsten Fall zahlen bald wieder mehr Kunden mit Bargeld.

Was kommt als nächstes?

Der nächste große Meilenstein im Zahlungsverkehrsmarkt steht mit der neuen Payment Services Directive II (PSD II) unmittelbar bevor. Diese Verordnung beinhaltet vor allem Änderungen in den Bereichen starke Kundenauthentifizierung und Zugang zu Banksystemen. Die Direktive sieht vor, dass Internetzahlungsvorgänge mit Hilfe von zwei voneinander getrennten Sicherheitsfaktoren authentifiziert werden müssen, so dass auf einem Smartphone z.B. Transaktionen via PIN und Fingerabdruck freigeschaltet werden müssen. Ausnahmen von dieser Vorgabe sind möglich, sofern entsprechende Präventionssysteme die Transaktionen überwachen und dadurch Missbrauch ausgeschlossen werden kann.

Die weitaus interessantere Änderung ist die verpflichtende Öffnung der Bankensysteme für Zahlungsauslöse- und Kontoinformationsdienste. Eine Zahlungsauslösung liegt vor, wenn die Autorisierung einer Zahlung beim kontoführenden Institut erfolgt. Diese Autorisierung durch Dritte, z.B. durch PayPal mittels Lastschrift, müssen Banken in Zukunft ermöglichen. Darüber hinaus werden Finanzinstitute zukünftig ebenfalls dazu verpflichtet, Informationen über die bei ihnen geführten Zahlungskonten bereitzustellen. Ein Zugang Dritter zur bisher geschützten Infrastruktur der Banken ist gewollt und wird entsprechend von der EU gefördert, weil so die Risikokosten von Drittanbietern minimiert werden können. Dienstleister können so einen aggregierten Bank-Service mit mehreren Anbietern auf einer Plattform ermöglichen.

Was bedeutet dies für die Banken? Riskieren diese dadurch nicht ihr Geschäftsmodell und auch das Vertrauen ihrer Kunden?

Die Gefahr ist grundsätzlich da. Transaktionen können künftig direkt vom Zahlungsanbieter abgewickelt werden, Banken werden dadurch in der Wahrnehmung der Kunden weiter geschwächt, vor allem aber sollen sie aber auch für Missbrauch von Dritten gegenüber ihren Kunden haften. Durch diese Regulation werden die Banken mehr und mehr auf die Rolle der Infrastrukturbereitsteller reduziert, während Dritte hierauf neue Produkte und Serviceangebote etablieren wollen und sollen.

Gerade jetzt ist es wichtig für Banken, ihr größtes Kapital zu nutzen: die Beziehung zu ihren Kunden. Banken müssen ihre eigenen Stärken innovativ ausbauen und die Kundenbeziehung stärken und verbessern. Gerade zeigt die Deutsche Bank mit ihrer „Digitalfabrik“, wie eine offene Lösung aussehen kann. Sie bietet ein digitales Ökosystem, das Online, Mobile und Filiale zusammenführt und damit einen Überblick über alle Bankprodukte eines Kunden bietet, egal bei welcher Bank er diese Produkte nutzt. Dieses „Rebundling“ schafft für den Kunden eine bequeme Zugriffsplattform, um sich mit einzelnen Produkten unterschiedlicher Banken seine individuelle Banking-Lösungen zu bauen, und wird zunehmend beliebter. Während der Kunde einen echten Mehrwert mit dem zentralen Zugang zu seinem Banking erhält, kann sich die Bank, durch Bereitstellung des Zugangs, die Kundenbeziehung sichern.

Die endgültige Fassung der PSD II trat am 12. Januar dieses Jahres in Kraft. Entsprechend bleiben noch ca. 18 Monate, bis die nationale Umsetzung erfolgt sein muss. Momentan werden die technischen Spezifikationen der European Banking Authority ausgearbeitet, welche spätestens am Anfang des nächsten Jahres veröffentlicht werden. Sobald diese erschienen sind, wird es höchste Zeit für alle Marktteilnehmer, ihre eigene Position anhand des Vorhabens neu zu bewerten und die nächsten Schritte einzuleiten.

Was können Marktteilnehmer heute tun, um sich auf die Regulierung vorzubereiten?

Durch die PSD II geraten etablierte Geschäftsmodelle in Gefahr. Das Kerngeschäft von Banken wird neuen Anbietern offengelegt, und die existierende Infrastruktur der Finanzinstitute wird sich zukünftig einfacher nutzen lassen. Banken haben drei wichtige Stärken, die sie jetzt nutzen müssen, wenn sie nicht vom Markt verdrängt werden wollen. Sie verfügen über eine große und oft segmentierte Kundenbasis. Sie genießen nach wie vor das Vertrauen ihrer Kunden. Im Gegensatz zu den Fintechs haben sie die benötigten IT-Systeme und Prozesse bereits aufgebaut und besitzen das nötige Know-how und Kapital, um diese zu nutzen. Wenn sie es schaffen, diese Stärken mit Produktinnovationen und neuen, eigenen digitalen Ökosystemen zu kombinieren, können sie auf Augenhöhe den neuen Anbietern auf dem Markt begegnen.

Sie meinen, dass Banken vor den Fintechs keine Angst haben müssen?

Die Vorteile der Fintech-Innovationen sind neben ihrer Innovationsgeschwindigkeit insbesondere ihr kompromissloser Kundenfokus, der sich vor allem in der einfachen Nutzung der Produkte und Serviceangebote widerspiegelt. Banken können genau hier ansetzen und ebenfalls neue, digitale Ökosysteme auf den bestehenden Infrastrukturen bereitstellen, die dem Kunden eine moderne Banking-Erfahrung aufzeigen. Neben einer Eigenentwicklung sollten sie durchaus auch Kooperationen oder Übernahmen geeigneter Anbieter in Betracht ziehen. Grundsätzlich müssen die Kundenzentrierung und die neue Unternehmenskultur gelebt werden. Nur mit einem neuen Internetauftritt ist es nicht getan. Da die Infrastruktur durch die Regulierung geöffnet werden muss, können Banken durch Plattform-Modelle oder APIs proaktiv neue Produkte und Services anbieten.

Banken müssen jetzt individuell ihr eigenes Potenzial identifizieren, um erfolgreiche Handlungsoptionen für zukünftige Geschäftsmodelle zu erstellen. Mit unseren Kunden entwickeln wir gemeinsam Strategien für den Aufbau eigener, digitaler Ökosysteme, basierend auf der individuellen Marktsituation, und legen die Handlungsoptionen dar. In diesem Strategieprozess wird ebenfalls bewertet, ob eine Eigenentwicklung bzw. Kooperationen mit oder auch Zukäufen von attraktiven neuen Marktteilnehmern empfehlenswert ist. Eine frühzeitige Positionierung schafft jetzt noch die Möglichkeit, aktiv zu agieren statt passiv auf die Veränderungen im Markt zu reagieren.

Die Regulation bringt viele Vorteile für neue Marktteilnehmer und verschafft ihnen eine sehr gute Startposition. Aber die etablierten Wettbewerber dürfen das enorme Innovationspotenzial nicht unterschätzen. Die PSD II bietet jetzt Banken und etablierten Finanzdienstleistern die perfekte Gelegenheit, um neue Produkte und Services zu entwickeln und gibt ihnen damit sehr gute Karten in die Hand, um auch für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.