Interview: Die Zukunft der Kreditkarten

Wertvolle Impulse für Innovationen im Bankenumfeld durch Fintechs

Wie sind die globalen Trends im Kreditkartengeschäft?
Aktuell müssen Banken sich mit drastischen Veränderungen auseinandersetzen. Die EU-Regulierung erfordert u.a. technische Anpassungen mit erheblichem Kostenaufwand, so dass Modelle für alternative Erlösströme entwickelt werden müssen, die nicht mehr auf Interchange-Entgelten basieren.
Im Rahmen der Digitalisierung kommen ständig neue technologische Innovationen auf den Markt mit zum Teil grundlegenden Folgen für die Wirtschaft, wie z.B. das Smartphone, das ganze Bereiche wie Kommunikation und Einkaufen grundlegend verändert hat. Die vormals getrennten Märkte ‚E-Commerce‘ und ‚POS‘ verschmelzen, und es entstehen mit Wearables und vernetzter Mobilität neue Touchpoints mit und für den Kunden.
Letztlich wandelt sich auch das Konsumentenverhalten. Erfolgreiche digitale Ökosysteme haben dies erkannt, rücken den Bezahlvorgang in den Hintergrund und wickeln ihn inzwischen fast unmerklich für den Kunden ab. Mit einer detaillierten Auswertung von Kunden- und Transaktionsdaten sind sie zudem in der Lage, für ihre Kunden personalisierte Angebote zuzuschneiden und individuelle Mehrwerte anzubieten.

Was geht, was bleibt, was kommt in den nächsten Jahren?
Gehen
werden in jedem Fall Bezahlverfahren ohne Mehrwert für den Kunden. Die Dominanz der Banken im Zahlungsverkehr steht unter Druck durch Angebote branchenfremder Anbieter. Letztlich müssen sich auch die Geschäftsmodelle girocard und Co-Branding-Geschäft in ihrer jetzt vorliegenden Form entsprechend anpassen, um weiterhin im Wettbewerb bestehen zu können.
Bleiben werden die Banken – unter der Voraussetzung, dass sie ihre Digitalisierung und Kundenkommunikation schnell vorantreiben, um der Konkurrenz branchenfremder Anbieter auf Augenhöhe begegnen zu können. Die Banken genießen nach wie vor das Vertrauen ihrer Kunden und besitzen damit einen entscheidenden Marktvorteil. Bleiben werden zunächst auch verschiedene Zahlverfahren ohne einheitlichen Standard.
Kommen werden neue Touchpoints wie ‘Wearables’ und ‘Connected Car’. Insbesondere Smartwatches werden mit ihrem Merkmal ‘Always on – Always available’ zum ständigen Begleiter und – dank Apple – zum Lifestyle-Gadget und bieten schon jetzt zahlreiche Möglichkeiten zur Nutzung von Finanzprodukten. Auch im Mobilitätsumfeld erschließen sich durch die neuen Touchpoints zusätzliche Wertschöpfungsmodelle.
Am erfolgreichsten werden ‚nahtlose‘ Zahlverfahren sein, die möglichst einfach, schnell und unkompliziert funktionieren und damit nur noch einen intuitiven Schritt im Einkaufsprozess darstellen.

Welche Rolle spielt die Kreditkarte bei digitalen Bezahlverfahren, bzw. kann sich die Kreditkarte gegen digitale Bezahlverfahren behaupten?
Aktuell funktionieren Kreditkarten auf Basis international anerkannter Standards und spielen durch ihre allgemeine Verfügbarkeit und Akzeptanz nach wie vor eine große Rolle im Zahlungsverkehr. Beides fehlt bei digitalen Zahlverfahren – auch bei Apple – noch weitestgehend. ABER: Im E-Commerce sinkt der Marktanteil der Kreditkarte, am POS steigt er aufgrund der nunmehr regulierten Interchange in der EU – gleichermaßen eine Herausforderung und Chance für die Kreditkarte.
Datenschutz und Sicherheit sind für den Kunden ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Bezahlung, digitale Angebote erfüllen diese Kriterien derzeit noch nicht vollständig.
Voraussetzung für den Erfolg des Kreditkartengeschäftes ist aus Kundensicht die komfortablere Handhabung, mit einer ausgewiesenen Verbindung zu relevanten Mehrwerten, z.B. Zusatzservices wie Versicherungen oder Partnerangebote, sowie – aus Anbietersicht – signifikant sinkende Gestellungskosten als Folge von intelligentem Kostenmanagement und der Nutzung von Skaleneffekten. Dabei reicht die Konzentration auf die Kostenseite alleine bei weitem nicht aus – auch auf der Erlösseite sind neue Quellen für das Kreditkartengeschäft zu erschließen, um langfristig am Markt bestehen zu können.

Steht das Kartengeschäft nicht im Widerspruch zum digitalen Bezahlverfahren?
Wir sehen das Kartengeschäft eher als Ergänzung. Die Abwicklungsprozesse im Hintergrund bleiben bestehen, aber am Touchpoint wird der Prozess für Kunden und Händler durch digitale Prozesse vereinfacht und beschleunigt. Dabei entstehen neue Geschäftsmodelle, angeboten durch Banken, den Handel selbst oder auch branchenfremde Anbieter, wie z.B. Fintechs oder ‚one-stop-marketplaces‘. Das größte Erfolgspotential haben dabei kanalübergreifende Zahlverfahren.
Die physische und digitale Welt werden so miteinander verknüpft. Dabei ist der Fintech-Markt der Treiber der Digitalisierung und bietet zahlreiche wertvolle Impulse für Innovationen im Bankenumfeld.

Wie schätzen Sie die Entwicklung im deutschen Kreditkartenmarkt ein?
Banken stehen unter Handlungsdruck und müssen ihre Geschäftsmodelle anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Erfolgskriterien lauten kurze ‚time-to-market‘, schnelle Skalierung der Modelle, sowie die Auslagerung von Prozessen und Systemen an externe Spezialisten, um Zeit zu sparen und Investitionskosten gering zu halten.
Wichtig für die Banken ist es, sich laufend über die Veränderungen am Markt zu informieren und die Auswirkungen auf die eigenen Geschäftsmodelle zu prüfen. Aktuelle Themen wie Instalments, Instant Payment, Blockchain etc. müssen dabei dringend im Auge behalten werden, ebenso wie alternative Zahlverfahren von branchenfremden Anbietern oder Händlern, bzw. Händler-Kooperationen, die mit ihrer Marktmacht die Dynamik des Marktes nachhaltig verändern können.
Grundsätzlich erfordert die Digitalisierung ein Umdenken bei den Banken. Sie müssen ihre Kernkompetenzen mit neuen digitalen Ansätzen verbinden und haben so die Chance, durch innovative Geschäftsmodelle neue, alternative Erlösströme zu generieren und die Kundenbindung zu stärken.

Das Interview mit Jens Hegeler entstand im Rahmen eines Beitrags für inside/BW-Bank, Juni 2016